Delta-Variante in Österreich


Die Delta-Variante, die zuerst im indischen Bundesstaat Maharashtra gefunden wurde, wird in Europa immer häufiger nachgewiesen – auch in Österreich. Während hierzulande Mitte April erstmals ein Fall dieser Variante nachgewiesen werden konnte, macht die Delta-Variante laut AGES (Österreichische Agentur für Ernährungssicherheit) heute schon über ein Viertel der Fälle aus. Die AGES nennt vier Variants of Concern (besorgniserregende Varianten): B.1.1.7 (Alpha), B.1.351 (Beta), P.1 (Gamma) und B.1.617.2 (Delta). Die verschiedenen Variants of Concern nutzen unterschiedliche Vorteile für sich. Während die südafrikanische Beta- und die brasilianische Gamma-Variante vor allem einen Immune Escape nutzen (also Strategien ausgebildet haben mit der sie der Immunantwort eines befallenen Organismus ausweichen können) hat die Alpha-Variante eine höhere Fitness und produziert ca. zehnmal mehr RNA-Viruslast, die sich auch in einer höheren Infektiosität niederschlägt. Der Virologe Prof. Dr. Christian Drosten, Leiter der Virologie an der Berliner Charité, vermutet bezüglich der Delta-Variante: „Ich denke, es ist eine Mischung von beidem.“ Genauere Daten würden aber noch im Labor ausgewertet werden.


Impfung und Delta-Variante


Über ein Drittel der impfbaren Bevölkerung in Österreich (also Personen ab 12 Jahren) haben bereits einen vollständigen Impfschutz. Laut Impfdashboard des Gesundheitsministeriums wird im Schnitt alle 1.1 Sekunden eine weitere Impfung verabreicht. Doch wie effektiv ist die Impfung gegen die neue Delta-Variante? Betrachtet man die Gesamt-Vakzine-Effektivität gegen einen schweren Verlauf, so unterscheidet sich die Delta-Variante nur gering von der Alpha-Variante. Die Gesamt-Vakzine-Effektivität gegen einen schweren Verlauf nach einer Infektion mit dem Alpha-Virus liegt nach einer ersten Impfdosis bei 78 Prozent, nach einer vollständigen Impfung bei 92 Prozent. Nach einer Infektion mit der Delta-Variante ist man nach der ersten Impfdosis zu 75 Prozent gegen einen schweren Verlauf geschützt, nach einer vollständigen Impfung sind es 94 Prozent. Es wurde jedoch auch schon von doppelt geimpften Einzelfällen berichtet, die nach einer Infektion mit der Delta-Variante verstarben. Das Nationale Impfgremium (NIG) empfahl aufgrund der Ausbreitung der Delta-Variante zuletzt kürzere Abstände zwischen Erst- und Zweitimpfung in Österreich: der zweite Stich mit Moderna soll nach 28 Tagen erfolgen, jener mit Pfizer nach 21 Tagen und bei AstraZeneca wird nach vier bis acht Wochen der zweite Stich gesetzt.





Schwere Erkrankungen bei Delta-Variante?


Aus einer im „Lancet“ erschienenen Studie geht hervor, dass das Risiko für eine Krankenhausaufnahme bei Ungeimpften 14 Tage nach einem positiven Test um 85 Prozent gesteigert ist, im Vergleich zur Alpha-Variante. Diese Studie gibt also einen Hinweis darauf, dass die Delta-Variante zu schwereren Verläufen führen könnte. Eine Studie von Public Health England untersuchte auf Basis einer großen Stichprobe das Risiko für eine Krankenhausaufnahme bei einem schon bestehenden symptomatischen Verlauf. Bei einem Verlauf mit Symptomen nach einer Infektion mit der Alpha-Variante ist das Risiko für einen Krankenhausaufnahme nach der ersten Dosis auf 37 Prozent, nach der zweiten auf 29 Prozent reduziert. Bei der Delta-Variante schaut es deutlich schlechter aus: Bei einem symptomatischen Verlauf ist das Risiko für einen Krankenhausaufenthalt nach der ersten Impfung auf 44 Prozent. Prof. Dr. Drosten geht hier jedoch auch von einem statistischen Effekt aufgrund von kleineren Fallzahlen bei der Delta-Variante aus. Zur case fatality rate, also dem Prozentsatz an diagnostizierten Fällen, die tatsächlich verstorben sind, gibt es erste Daten aus England. Während diese im Beobachtungszeitraum in England bei zwei Prozent lag, lag sie bei der Delta-Variante bei nur 0.3 Prozent. Nach dem Virologen Prof. Dr. Drosten sei eine mögliche Erklär8ung hierfür jedoch der Anstieg der Impfrate im Beobachtungszeitraum. Es könne sein, dass sich die case fatality rate im Laufe der Zeit noch erhöht, es sei aber zu hoffen, dass sie durch den zuwachsenden Impfeffekt nicht gegen zwei Prozent gehen wird. Prof. Dr. Drosten äußerte sich diesbezüglich: „Und das ist ja das, was wir schon öfter mal besprochen haben, dass wir einfach die Beziehung zwischen Fällen und Fallschwere im Laufe des Sommers jetzt verlieren werden. Zum Glück“.


Saisonalitätseffekt: Der Sommer und das Virus


Der diesjährige Sommer startete in Österreich mit einer Hitzewelle und ein Preprint über den „Sommereffekt“ sorgte medial für Aufsehen. Eine Forschergruppe der Oxford-Universität untersuchte den Saisonalitätseffekt auf die Übertragbarkeit des Virus in europäischen Ländern. Im Fokus der Untersuchung stand die Schwingung der Reproduktionszahl (auch R-Wert genannt), die beschreibt wie viele andere Menschen ein Infizierter durchschnittlich ansteckt. Es wurde die Grundannahme getroffen, dass hier eine Schwingung des R-Wertes entsteht, dessen Bodensatz im Sommer liegt und der Gipfel im Winter. Die Forschergruppe kam bezüglich des Effekts auf die Übertragbarkeit auf einen Wert von 40 Prozent. Jedoch könne man daraus keine kausale Erklärung ableiten, zum Beispiel spielen in diesem Befund wahrscheinlich auch die stärkere Befolgung der Maßnahmen durch die Bevölkerung in der ersten Welle mit hinein. Andere Schätzungen zur Saisonalität bewegen sich zwischen 17 und 60 Prozent.

Eine frühere Studie, die über fünf Jahre die beobachteten Inzidenzen zweier Erkältungs-Coronaviren (HKU1 und OC43) ermittelt hat, kam auf einen Wert von circa 20 Prozent. Auf diesen Wert bezog sich auch Prof. Dr. Drosten mehrfach, da in dieser Studie Störeffekte und Interventionseffekte durch nicht-pharmazeutische Interventionen im Rahmen der Pandemie – wie Abstand halten und das Tragen von Masken – keine Rolle spielten. Letztendlich gilt es abzuwarten, wie sich die Verbreitung des Virus über die Sommermonate entwickeln wird.