Der Ursprung des Virus

Aktualisiert: Juli 9

Knapp eineinhalb Jahre nach Ausbruch des SARS-CoV-2-Virus ist dessen Entstehung immer noch unklar. Die scharf kritisierte WHO-Mission, die Anfang diesen Jahres dem Ursprung des Virus auf die Spur gehen sollte, brachte keine eindeutigen Ergebnisse. Auch Prof. Dr. Christian Drosten, Leiter der Virologie an der Berliner Charité, sprach zuletzt davon, dass es bei dieser Mission einen „Interessenskonflikt“ gegeben habe, da z.B. Peter Daszak, der an dieser Aufklärungsmission der WHO federführend beteiligt war, mit dem Labor in Wuhan seit Jahren kooperiert hatte. Im Verlauf der letzten Wochen ist die Diskussion um den Ursprung des Virus neuerlich entfacht und verschiedene Seiten drängen auf eine neuerliche Untersuchung. Auch US-Präsident Joe Biden wies die Geheimdienste an, ihre Bemühungen zur Aufklärung der Entstehung des Virus zu verstärken.

Schon im vergangenen Jahr wurde viel über den Ursprung des Virus diskutiert und verschiedene Theorien aufgestellt, die in zwei verschiedene Richtungen gingen. Während die einen meinen, SARS-CoV-2 sei im Labor hergestellt worden und entwichen, meinen die anderen, es sei auf natürlichem Weg entstanden. Letztere, das Virus sei von Tieren auf den Menschen übertragen worden (sei also eine Zoonose) hatte sich letztendlich durchgesetzt.



Mutmaßungen über Furin-Spaltstelle


Mehrfach diskutiert wurde im Zusammenhang mit dem Ursprung des Virus die sogenannte Furin-Spaltstelle im Erbgut von SARS-CoV-2, die Anlass für Spekulationen bietet. Um gut zu funktionieren, muss das Protein an der Oberfläche des Virus nämlich in zwei Teile geschnitten werden. Manche Viren (z.B. auch das Influenzavirus) können sich dafür ein Enzym der Zelle zunutze machen. Wenn das Virus an der Stelle des Enzyms vorbeikommt, wird das Enzym aktiv und erkennt die sogenannte Furin-Spaltstelle. Das Enzym (Furin) schneidet das Virus dann in passende Stücke, so wie das Virus es braucht. Das am nächsten verwandte Virus und fast alle anderen SARS-ähnlichen Viren haben diese Spaltstelle jedoch nicht. Aus diesem Grund wurde medial mehrfach argumentiert, diese Furin-Spaltstelle müsse künstlich im Labor eingeführt worden sein. Prof. Dr. Christian Drosten will diese Möglichkeit zwar nicht ausschließen, hält sie aber für unwahrscheinlich „Wenn man das macht, dann ist praktisch das Erste, was beim SARS-2-Virus passiert, dass diese Furin-Site in dem Virus zerstört wird. Wenn wir also aus Patienten SARS-2-Virus in Vero-Zellen isolieren, geht diese Furin-Site sofort weg, weil das ein Selektionsnachteil ist für das Virus in der Zellkultur.“ Denn der Zelleintrittsmechanismus in Kulturzellen (also in von einem Lebewesen unabhängigen tierischen oder pflanzlichen Zellen, die in einem Labor vermehrt werden) sei ein anderer als in den Atemwegen.

Auch wenn die meisten SARS-Artgenossen keine Furin-Spaltstelle besitzen, gibt es eine Publikation, die einen SARS-Artgenossen mit einer Furin-Spaltstelle beschreibt. Auch Dr. Drosten und sein Team arbeiteten lange an SARS-Artgenossen in Bulgarien und Rumänien und fanden dort Anzeichen, dass sich hier und da Furin-Spaltstellen bilden und auch wieder abbauen können. „Insofern würde ich jetzt erst mal sagen, dass so ein Virus mit solchen Eigenschaften in der Natur existiert, ist vollkommen unüberraschend, vollkommen normal“, äußerte sich der Virologe kürzlich.


Viruskonzentration in Fledermäusen


In China gibt es große geographische Räume die von bestimmten Hufeisennase-Fledermäusen, den Rhinolophus-Fledermäusen, besiedelt sind. Auch SARS-Artgenossen kommen im Kot der Rhinolopholus-Fledermäuse vor. Oft wurde in Medien behandelt, dass sich Menschen direkt durch den Kot dieser Fledermäuse angesteckt haben könnten. Die Viruskonzentration in Kotproben dieser Fledermäuse ist jedoch sehr gering. Sobald die Kotprobe eingetrocknet ist, kann das Virus darin nicht überleben. Interessant zu wissen ist jedoch, dass diese Fledermäuse eine relativ synchrone Geburtssaison haben. Gerade in der Geburtssaison ist die Verbreitung von Coronaviren bei diesen Tieren hoch, da die Muttertiere in dieser Zeit leicht immunsupprimiert sind und die noch immunologisch naiven Neugeborenen das Virus aufnehmen und vermehren können. Und da Fledermäuse eine hohe Neugeborensterblichkeit aufweisen, fallen in dieser Zeit auch tote Tiere in Höhlen von der Decke. Raubtiere wie Schleichkatzen und Mardertiere können diese dann fressen und sich dabei infizieren.


Marderhunde und Schleichkatzen als Zwischenwirte


Das SARS-1-Virus, ein Virus derselben Art, kam auch in bestimmten Felltieren, nämlich in bestimmten Schleichkatzenarten und Marderhunden vor. Oft nehmen Arten von Viren denselben Weg in ihrer Übertragung von Tier zu Tier. In China werden immer wieder Marderhunde und Schleichkatzenarten mit diesem SARS-1-Virus gefunden und das Virus wurde auch mindestens zweimal vom Menschen aus dieser Quelle erworben. Der Virologe Prof. Dr. Drosten hält es für vorstellbar, dass sich Menschen, die Kontakt mit den Zuchtbeständen für die Fellproduktion hatten, hier mit dem Virus infiziert haben könnten.

Er hält es aber auch für denkbar, dass wir das Rätsel um den Ursprung des Virus nie lösen werden. Denn es ist im Bereich des Möglichen, dass im Vorlauf der Pandemie so ein Virus in China oder einem anderen Land in einem solchen Zuchtbestand aufgekommen ist, diese Tiere jedoch, sowie auch die infizierten Nerzbestände in Dänemark, daraufhin getötet wurden. Dann wäre das Virus dort im Nachhinein nicht mehr auffindbar, es sei denn, es wären Proben eingelagert worden. Auch diese unbefriedigende Möglichkeit müsse man in Betracht ziehen.