Neue Charité Studie zu Viruslast und Infektiosität


Seit Beginn der Pandemie wurden in Österreich über 40 Millionen Testungen auf das Coronavirus durchgeführt. Die Anzahl der bestätigten Fälle belief sich dabei auf über 600.000 positiv Getestete. Die neu identifizierten Fälle sind derzeit in Österreich weiter rückläufig. Weitere Öffnungsschritte werden eingeleitet und der Sommer steht hierzulande vor der Tür. Über den Effekt steigender Temperaturen und neue Kenntnisse aus einer groß angelegten Studie äußerte sich Prof. Dr. Christian Drosten, Leiter der Virologie an der Berliner Charité, kürzlich im NDR-Podcast „Coronavirus-Update“.

Auch wenn der Sommer naht, darf der Einfluss der Temperatur auf die Verbreitung des Virus nicht überschätzt werden. „Um 20 Prozent geht die Übertragung bei den Erkältungs-Coronaviren in den Sommermonaten zurück. Es gibt gewisse Gründe zu denken, dass die Größenordnung bei diesem Virus auch so sein könnte“, äußerte sich der Virologe. „Es ist aber auch nicht so, dass man davon ausgehen könnte, dass die Temperatur das alles erledigt.“ Auch in dem südlichen Griechenland sei erst Anfang Mai noch einmal die Inzidenz gestiegen. Die Maßnahmen der vergangenen Wochen seien also trotz Temperaturanstieg nicht umsonst gewesen.



Neue Erkenntnisse aus Charité-Studie


Die Charité Berlin analysierte in einer über einen großen Zeitraum angelegten Studie, die in der renommierten Fachzeitschrift „Science“ veröffentlicht wurde, die Daten von über 25.000 neu diagnostizierten Patientinnen und Patienten. Die Studie untersuchte Unterschiede in der Infektiosität der Virusvarianten, Unterschiede in der Infektiosität zwischen Gruppen und den Zeitverlauf der Infektiosität. Hierfür wurde unter anderem die Viruslast die Menge an Virus-RNA, die in einer Probe vorkommt ─ untersucht. Sie ist ein wichtiger Indikator für die Infektiosität einer betroffenen Person, also wie ansteckend diese ist.

Die Viruslast in B.1.1.7

Interessante Erkenntnisse zur Viruslast konnte man bezüglich der britischen Virusvariante B.1.1.7 finden. So haben B.1.1.7-Patientinnen und -Patienten eine zehnmal höhere Viruslast als Patientinnen und Patienten des Wildtyps. Jedoch könne man nicht sagen, dass zehnmal mehr RNA-Kopien mit einer zehnmal höheren Infektiosität gleichgesetzt werden kann. Prof. Dr. Drosten und sein Team untersuchten das Verhältnis zwischen RNA-Kopienzahl und nachzuweisender Infektiosität. Sie konnten eine S-förmige Beziehung zwischen Viruslast und tatsächlich im Labor nachzuweisender Infektiosität finden. „Das liegt daran, dass man bestimmte Mindestpartikelkonzentrationen braucht, um eine Zellkultur zu infizieren“, äußerte sich der Virologe. „Aber irgendwann ist dann auch genug….Dann kommt nichts mehr dazu.“ Der Experte geht davon aus, dass dieser Unterschied in der Viruslast auch einen Unterschied in der Infektiosität erklärt, dass B.1.1.7-Patientinnen und -Patienten also ansteckender sind.


Ähnliche Viruslasten in allen Altersgruppen


Die Studie bestärkte die anfängliche Vermutung, dass die Viruslast über die Altersgruppen ähnlich verteilt ist. Nur bei den Kindern im Kindergarten- und Kleinkindalter fand man bei der Viruslast eine geringe Absenkung. Das läge laut Prof. Dr. Drosten jedoch auch daran, dass bei der Testung von Kindern weniger Probenmaterial (und so weniger Virusmaterial) gesammelt werden könne und man bei Kindern nur unter größtem Protest den tiefen Nasen-Rachen-Abstrich durchführen könne. In Österreich werden laut Angaben des Bundesministeriums für Bildung, Wissenschaft und Forschung die Selbsttests von LEPU-Medical für Volksschulkinder und Sonderschulkinder verwendet. Die „Nasenbohrer-Tests“ müssten nur in den vorderen Bereich der Nasenhöhle eingeführt werden und seien insbesondere dafür geeignet, eine hohe Viruslast nachzuweisen. Dass solche Proben weniger Virus enthalten und auch nicht immer optimal durchgeführt würden, führe nach Prof. Dr. Drosten zu der gefundenen geringeren Viruslast bei Kleinstkindern. Ein kleiner Anteil aller Personen hat eine sehr hohe Viruslast, sie sind sogenannte „Superspreader“. Auch diese „Superspreader“ sind über alle Altersgruppen verteilt. In allen Altersgruppen haben etwa 8 bis 9 Prozent eine sehr hohe Viruslast, sind also sehr übertragungsfähig. Unter diesen „Superspreadern“ seien nicht nur Personen, die im Verlauf ihrer Erkrankung ins Krankenhaus müssen, sondern in erheblichem Umfang auch solche mit mildem Verlauf und sogar asymptomatische.


Der Zeitverlauf der Infektiosität


Aufgrund der großen Datenmenge, die für diese Studie zur Verfügung stand, war es auch möglich, ganze Infektionsverläufe nachzuvollziehen. So konnten die Zeitverläufe von über 4.000 Personen miteinbezogen werden, von denen es mindestens drei Proben gab und die dabei zumindest zweimal positiv auf Covid-19 getestet wurden.

Die Studie fand, dass der Viruslastgipfel, also das Maximum der Virusausscheidung, ein bis drei Tage vor Symptombeginn liegt. Sobald die Symptome beginnen, ist die Virus-Kurve also schon auf dem absteigenden Ast. Deswegen sei die Erkrankung auch so schwer zu kontrollieren.

Ermitteln konnte man auch, dass Patientinnen und Patienten, die zu einem Zeitpunkt ihres Krankheitsverlaufs ins Krankenhaus müssen, zum Zeitpunkt ihres Viruslastgipfels immer sehr viel Virus aufweisen. Dies wurde lange angezweifelt. Dagegen schwankt die Höhe des Viruslastgipfels sehr stark bei Personen, die während ihres Verlaufs nicht ins Krankenhaus müssen oder sogar asymptomatisch sind. Personen, die später schwer krank werden, weisen am Anfang also schon sehr viel Virus auf. Diese Erkenntnisse bekräftigen wieder einmal die Relevanz des regelmäßigen Testens.